CHECK-IN: SPV STAR FLYER IM TEST

Ein lange gehegter Traum geht heute in Erfüllung: Meine erste Segelkreuzfahrt auf einem stolzen Viermaster beginnt. Laut Werbung soll an Bord die „Segelromantik einer längst vergangenen Zeit“ aufleben. Ob mich wirklich ein „Traumurlaub unter Segeln“ erwartet?

Es ist kühl an diesem Junitag in Kopenhagen. Immerhin drückt die Sonne etwas durch. Nach der Kälte und dem heftigen Regen der letzten Nacht ein gutes Omen für die kommende Woche? Eine kurze Taxifahrt bringt mich zum Tolboden Pier. Hier, wenige Meter von der berühmten Kleinen Meerjungfrau entfernt und gerade noch in Sichtweite der traditionellen Kreuzfahrtschiffe liegt die Star Flyer. Im Vergleich zu diesen Ozeanriesen wirkt der Grosssegler winzig – mit seinen bis zu 60 Meter hohen Masten ist er heute trotzdem die Attraktion im Hafen von Kopenhagen.

Seit mehr als 20 Jahren unterwegs

Mit den Schwesterschiffen Star Flyer und Star Clipper begann 1991/92 die faszinierende Geschichte der Star Clippers. Die beiden 115 m langen Schiffe sind die wahrgewordene Vision des schwedischen Unternehmers Mikael Krafft, seit dem Jahr 2000 gehört auch die etwas grössere Royal Clipper zur Flotte. Die Einschiffung verläuft unspektakulär: Begrüssung durch den Cruise Director, ein Welcome Drink, ein paar Häppchen und schon begleitet mich ein Crewmitglied in meine Kabine. Diese macht einen gepflegten Eindruck auch wenn da und dort erkennbar ist, dass die Star Flyer schon mehr als 20 Jahre auf den Weltmeeren unterwegs ist. Die Einrichtung ist klassisch, es dominieren Holz, Messing und dunkle Farbtöne. Je nach Kategorie sind die Aussenkabinen zwischen 11 m² und 14,5 m² gross – nicht gerade viel Platz, aber doch ausreichend, um sich wohl zu fühlen. Mit 8 m² am kleinsten sind die mit Etagenbetten ausgestatteten Innenkabinen, am grössten ist die Eignersuite mit 22 m². Die kompakten Badezimmer bieten ausreichend Stauraum, für einen Hauch von Luxus sorgen Marmorfliesen. Gewöhnungsbedürftig: Die Dusche hat keine Bodenwanne, weshalb nach dem Duschen der ganze Badezimmerboden nass ist.

Segeln ist hier Handarbeit

Um 22 Uhr – kurz nach Sonnenuntergang – lässt der Captain die Segel setzen. Genauer einen Teil der insgesamt 3‘365 m² Segelfläche. Das genügt schon, um die Star Flyer beim Eindunkeln fast lautlos über das Wasser gleiten zu lassen und trotz frostigen Temperaturen gerät das erste Auslaufen zu einem wirklich erhabenen Moment. Langsam begreife ich, was es mit der Segelromantik auf sich hat: Segeln ist hier Handarbeit, nicht nur die Segel werden von Hand gesetzt, auch gesteuert wird das Schiff von Hand. Selbstverständlich mit einem grossen hölzernen Steuerrad, wie man es von Piratenfilmen kennt. Dabei stehen Kapitän und Offiziere meistens auf der offenen Brücke, nur wenige Meter von den Passagieren entfernt. Für Segelfans wichtig: Rund 80% der Zeit wird gesegelt – der Dieselmotor wird nur bei Flaute für den Antrieb genutzt. Die Star Flyer bietet Platz für 170 Passagiere, auf unserer Reise war jedoch nur ein Drittel der Kabinen belegt. Das mag an der Route gelegen haben: Weder die schwedischen Kleinstädte Simrishamn und Karlskrona noch die zu Dänemark gehörende Insel Bornholm sind besonders sehenswert. Wirklich interessant waren auf dieser Reise lediglich das geschichtsträchtige Danzig (Gdansk) in Polen und die deutsche Insel Rügen mit ihren berühmten Kreidefelsen und der legendären Bäderarchitektur. Allerdings: Wer mit einem Grosssegler unterwegs ist, befindet sich selber auf einer schwimmenden Sehenswürdigkeit. Besonders in den kleineren Orten erregte die Star Flyer viel Aufmerksamkeit und wurde teils fast ehrfürchtig bewundert.

Openair-Bordleben – aber nicht in der Ostsee

Ein Vorteil der tiefen Belegung: Viel Freiraum für jeden Passagier. Und die Möglichkeit, die Unterkunft zu wechseln – wovon rege Gebrauch gemacht wurde! Vor allem die Passagiere auf dem untersten, teilweise unter der Wasserlinie liegenden Deck beklagten sich über eisige Temperaturen und wechselten deshalb zum Teil mehrmals die Kabine. Hier zeigte sich ganz klar, dass die Star Clippers Schiffe nur für Reisen in warmen Gewässern wirklich gut geeignet sind. Auch stehen nur wenige vor Wind und Wetter geschützte öffentliche Bereiche zur Verfügung: das Restaurant, die Piano Bar und eine kleine Bibliothek. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Reederei inzwischen die Abfahrten im kühlen Norden gestrichen hat und sich wieder auf die Karibik und das Mittelmeer konzentriert. Das Bordleben findet weitgehend „openair“ statt: An den kleinen Pools auf dem Sonnendeck, an der Tropical Bar, beim Wassersport, beim Erklimmen des „Krähennests“ in luftiger Höhe. Oder beim Faulenzen im Netz vor dem Bug (was bei dieser Reise wegen den kühlen Temperaturen nicht möglich war). Ein Höhepunkt dieser Kreuzfahrt war die „Captain’s Storytime“ – zumal unser Kapitän Klaus Müller, der schon seit 1954 zur See fährt, ein echter Seebär und ein fantastischer Erzähler ist!

Küche Top, Unterhaltung Flop

Zu den Highlights dieser Reise zählt auch die Küche. Es ist erstaunlich, welche kulinarischen Überraschungen Tag für Tag in der engen Kombüse hervorgezaubert werden. Keine Sterne-Menüs zwar, aber köstliche, sorgfältig zubereitete und schön präsentierte Gerichte. Im Bordrestaurant gibt es übrigens weder strenge Kleidervorschriften noch eine fixe Tischzuteilung. Wie überall an Bord herrscht eine legere, entspannte Atmosphäre. Eher ein Ärgernis war leider die Abendunterhaltung. Im Prospekt heisst es „austauschbare Broadwayshows werden Sie an Bord nicht finden“. Stattdessen werden Spiele und Shows auf Primarschulniveau geboten und oft genug ist Fremdschämen angesagt. Darauf hätte ich gerne verzichtet, der Pianist in der Piano Bar hätte mir völlig genügt. Zum Glück war der Spuk jeweils nach gut einer Stunde vorbei…

Traumurlaub mit Einschränkungen

Traumurlaub unter Segeln? Ja, mit gewissen Einschränkungen. Die aber vor allem mit den klimatischen Verhältnissen zusammenhängen. Die nächste Reise auf einem Star Clippers Schiff werde ich in wärmeren Gefilden buchen! Im Rating der inoffiziellen „Kreuzfahrten-Bibel“, des jährlich aktualisierten „Berlitz Complete Guide to Cruising“  erhält die Star Flyer 1396 von 2000 möglichen Punkten und wird als „Boutique Ship“ mit ***+ klassifiziert. „It suits those who would never consider a ‚normal‘ cruise ship“ findet der Autor Douglas Ward.